„KI kann die Krise nicht lösen“: Christian Albrecht über Krisenkommunikation mit KI


Wie hilft künstliche Intelligenz, Kommunikationskrisen früher zu erkennen, Informationen schneller zu bewerten und unter Zeitdruck handlungsfähig zu bleiben? Christian Albrecht, Leiter Kommunikation am Airport Nürnberg, setzt auf KI-gestützte Prozesse, einen verifizierten Faktenkern und klare Grenzen der Automatisierung. Im Webinar der CommTech Academy am 9. Oktober 2026 zeigte er anhand konkreter Praxisbeispiele, warum nicht die Technologie, sondern die Organisation der Krisenkommunikation über ihren Nutzen entscheidet. Die AG CommTech hat mit ihm darüber gesprochen, wie KI zum Krisenhelfer wird – und wann der Mensch unbedingt das letzte Wort behalten muss.

Christian Albrecht ist Dozent in der CommTech Academy. Dort findet mit ihm am 9.11. ein vierstündiges Seminar zum Thema „Krisenkommunikation mit KI“ statt. Einzelheiten und Buchung hier.

Christian Albrecht, Airport Nürnberg, im Interview zu Krisenkommunikation mit KI

KI kann die Krise nicht lösen. Aber sie kann uns den entscheidenden Zeitvorsprung verschaffen.

AG CommTech: Christian, wann hat dir KI zuletzt in einer kritischen Situation konkret geholfen?

Christian Albrecht: Vor einigen Wochen zog ein Sturm über den Airport Nürnberg. Bäume stürzten um, Sicherheitszäune wurden beschädigt und der Flugbetrieb musste vorübergehend eingestellt werden. Passagiere wollten sofort wissen, welche Folgen das für ihre Reise hatte. KI konnte uns dabei unterstützen, aus geprüften Informationen schneller geeignete Kommunikationsformate zu erstellen. Gerade bei knappen Personalressourcen ist das hilfreich.

AG CommTech: Wo liegt das größte Potenzial von KI in der Krisenkommunikation?

Christian Albrecht: Nicht allein beim Texteschreiben. Entscheidend sind drei Phasen: die Vorkrisenphase, die akute Reaktion und die Nachbereitung. KI erkennt Warnsignale, unterstützt Lagebilder und Texte und hilft anschließend bei der Auswertung. Dabei gilt: Erst Prozesse, Rollen und Datenqualität klären, dann Tools auswählen. Wenn Meldeketten nicht funktionieren und keine verlässlichen Informationen vorliegen, hilft auch die leistungsfähigste KI nicht.

Krisen früher erkennen mit Social Listening

AG CommTech: Wie können Kommunikationsabteilungen Krisen früher erkennen?

Christian Albrecht: Mit Social Listening lassen sich öffentliche Diskussionen und auffällige Veränderungen beobachten. Wichtig ist auch, wie schnell Themen an Bedeutung gewinnen. Systeme wie Brandwatch, Meltwater, Talkwalker oder NewsWhip liefern entsprechende Signale. Generative KI kann daraus ein kompaktes Briefing erstellen. Über automatisierte Abläufe lässt sich dieses beispielsweise per E-Mail oder in Teams an Verantwortliche schicken. Das verschafft möglicherweise Zeit.

AG CommTech: Hast du erlebt, dass ein solcher Vorsprung gefehlt hat?

Christian Albrecht: Beim weltweiten Grounding der Boeing 737 MAX. Zunächst habe ich das als internationales Luftfahrtthema wahrgenommen. Dann kamen Journalistenanfragen: Wie viele Flugzeuge und Passagiere sind in Nürnberg betroffen? Diese lokale Perspektive hätte ich früher mitdenken können. Eine KI-gestützte Analyse kann helfen, globale Entwicklungen auf die eigene Organisation herunterzubrechen und wahrscheinliche Fragen vorwegzunehmen.

In der akuten Krise: Lagebild und verifizierter Faktenkern

AG CommTech: In einer akuten Krise prasseln Gerüchte und Informationen aus vielen Quellen auf das Kommunikationsteam ein. Was leistet KI hier?

Christian Albrecht: Stell dir einen Brand in einer Werkhalle vor. In sozialen Netzwerken kursieren Rauchbilder und Spekulationen über eine Explosion. Mitarbeitende melden Feuerwehrfahrzeuge, Journalisten fragen nach Verletzten, gleichzeitig liefern Leitstelle und Werkleitung neue Informationen. KI kann diese Fragmente sortieren, Themen bündeln, offene Fragen markieren und ein Lagebild vorbereiten. Gerüchte dürfen dadurch nicht zu Fakten werden. Das Prüfen und Bestätigen der Informationen bleibt unsere Aufgabe.

AG CommTech: Wie entstehen daraus schnell konsistente Botschaften für unterschiedliche Kanäle?

Christian Albrecht: Das Prinzip ist einfach: ein verifizierter Faktenkern, mehrere Ausgaben. Wir halten fest, was bestätigt ist und wo noch Unsicherheit besteht. Daraus kann KI ein erstes Holding Statement, ein Sprecherbriefing, ein Q&A, eine Website-Meldung, Social-Media-Texte und Mitarbeiterinformationen entwerfen. Alle Kanäle nutzen dieselbe Grundlage. Die Freigabe bleibt selbstverständlich beim Menschen. Sprachliche Qualität ersetzt keine Fakten.

AG CommTech: Euer Flughafen nutzt einen Chatbot. Ist der im Krisenfall eine Hilfe oder ein zusätzliches Risiko?

Christian Albrecht: Beides ist möglich. Unsere Website ist eine zentrale Informationsquelle. Wenn dort eine aktuelle Störungsmeldung steht, muss der Chatbot diese Information ebenfalls kennen. Sonst meldet die Website einen Zwischenfall, während der Chatbot erklärt, es sei alles in Ordnung. Solche Widersprüche haben wir anderswo beobachtet. Deshalb braucht ein Chatbot eine kontrollierte, aktuelle Wissensbasis und klare Prozesse für Kriseninformationen. Sonst verstärkt er Unsicherheit. Details dazu haben wir bei kom.de veröffentlicht.

AG CommTech: Wie weit lässt sich die Erstellung und Verbreitung von Krisenmeldungen automatisieren?

Christian Albrecht: Vieles lässt sich technisch verbinden: Signale aus dem Monitoring auswerten, eine Lageübersicht erstellen und automatisch an Zuständige weiterleiten. Auch Textentwürfe, Übersetzungen und Varianten für unterschiedliche Kanäle sind gut geeignet. Aber Automatisierung ist kein Selbstzweck. Ein Holding Statement kann KI vorbereiten; ob es inhaltlich richtig, angemessen und veröffentlichungsreif ist, entscheidet das Kommunikationsteam. Je näher an Betroffenen und Publikation, desto wichtiger die menschliche Kontrolle.

Je näher an Betroffenen und Publikation, desto wichtiger die menschliche Kontrolle.

Christian Albrecht

Desinformation und KI-generierte Fakes

AG CommTech: KI wird zugleich für Desinformation eingesetzt. Wie schützt man sich vor gefälschten Krisenbildern?

Christian Albrecht: Eine Airline war mit einem KI-generierten Video konfrontiert, das einen angeblichen Flugzeugabsturz zeigte. Auch Medien griffen es zunächst auf. Der angebliche Vorfall ließ sich durch Rückfragen widerlegen. Für die Prüfung von Bildmaterial können Dienste wie Google Lens, InVID-WeVerify oder Herkunftsnachweise wie Content Credentials helfen. Aber ein Tool ersetzt die unabhängige Bestätigung nicht. Gerade bei dramatischen Bildern müssen wir skeptisch bleiben, bevor wir reagieren oder Inhalte weiterverbreiten.

Training, Grenzen und Nachbereitung

AG CommTech: Was hältst du von KI als Trainingspartner für Krisensituationen?

Christian Albrecht: Das ist ein besonders einfacher Einstieg. Ein Sprachmodell kann investigative Journalisten spielen, kritische Fragen stellen, bei ausweichenden Antworten nachhaken und den Druck erhöhen. Anschließend kann es Rückmeldung zu Faktenklarheit, Empathie und Handlungsorientierung geben. Dafür braucht man keine Spezialsoftware. Solche Übungen ersetzen keine vollständige Krisenstabsübung, bieten aber eine unkomplizierte Möglichkeit, die eigene Reaktionsfähigkeit zu trainieren.

AG CommTech: Bei welchen Aufgaben sollte KI auf keinen Fall allein entscheiden?

Christian Albrecht: Bei der Bestätigung von Fakten, strategischen Entscheidungen, Risikobewertungen und der finalen Freigabe. Besonders sensibel sind Aussagen über Opferzahlen, Schuld, Verantwortung, Entschuldigungen und Anteilnahme. Hier brauchen wir menschliches Urteilsvermögen und Empathie. KI kann vorbereiten, strukturieren und Vorschläge liefern, aber sie trägt keine Verantwortung. Deshalb müssen Unternehmen festlegen, welche Systeme zugelassen sind, welche Daten verarbeitet werden dürfen und wer Ergebnisse überprüft. Das betrifft den gesamten Krisenstab, nicht nur die Pressestelle.

AG CommTech: Was sollten Kommunikationsteams nach einer Krise mit KI besser machen?

Christian Albrecht: Die Nachbereitung wird häufig unterschätzt. Danach sollten wir prüfen: Welche Informationen kamen wann? Wo entstanden Verzögerungen? Was funktionierte und was nicht? KI kann Protokolle und andere Aufzeichnungen strukturieren, Muster aufzeigen und bei der Evaluation helfen. Entscheidend ist, dass die Erkenntnisse anschließend in Prozesse, Zuständigkeiten und Übungen einfließen. Jede Krise ist anders. Aber die gleichen Fehler sollte man nicht ein zweites Mal machen.

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Seminar: Krisenkommunikation mit KI, 9.11.2026

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