- 20. Mai 2026
- Veröffentlicht durch: Reimer Stobbe
- Kategorie: NEWS
Kommunikation ohne Steuerung wird zur Beschäftigungstherapie

Der Beitrag wurde verfasst von: Dr. Reimer Stobbe
Kommunikationsabteilungen produzieren heute mehr Content als jemals zuvor. Sie bespielen unzählige Kanäle, liefern Echtzeit-Reports, messen Reichweiten, Klicks und Engagement-Raten bis auf die zweite Nachkommastelle. Gleichzeitig wächst in vielen Unternehmen die Unsicherheit, welchen strategischen Beitrag Kommunikation eigentlich noch leistet. Das ist kein Widerspruch. Es ist die Folge eines grundlegenden Missverständnisses.
Viele Kommunikationsorganisationen verwechseln Datensammlung mit Steuerung. Sie produzieren Dashboards statt Wirkung. Dabei lautet die entscheidende Frage nicht, wie viele Kennzahlen vorliegen, sondern ob Kommunikation überhaupt auf klar definierte Ziele einzahlt.
Denn Likes sind noch keine Reputation. Reichweite ist noch keine Wirkung. Und ein erfolgreicher Social-Media-Post ist noch lange kein Beitrag zum Unternehmenserfolg.
Der stille Bedeutungsverlust der Kommunikation
Kommunikation verliert ihre strategische Rolle selten abrupt. Der Bedeutungsverlust geschieht schleichend. Er beginnt dort, wo Kommunikation primär als Produktionsfunktion verstanden wird: Content erstellen, Kanäle bedienen, Kampagnen ausrollen, Reporting liefern. In diesem Modell wird Kommunikation zum internen Dienstleister. Effizienz zählt dann mehr als Wirkung. Die operative Maschinerie läuft zwar immer schneller, aber die strategische Relevanz sinkt. Genau das ist gefährlich. Denn Unternehmen stehen heute unter massivem Erwartungsdruck ihrer Stakeholder: Mitarbeitende erwarten Orientierung, Investoren Vertrauen, politische Akteure Transparenz, Kunden Glaubwürdigkeit und Talente attraktive Perspektiven. Kommunikation ist damit längst keine reine Vermittlungsfunktion mehr. Sie ist zum Management von Stakeholder-Beziehungen geworden.
Der eigentliche Wertbeitrag von Kommunikation entsteht deshalb nicht kurzfristig in der Gewinn- und Verlustrechnung. Kommunikation schafft Erfolgspotenziale für die Zukunft. Sie sichert die Kooperationsbereitschaft relevanter Stakeholder. Ohne diese Unterstützung kann kein Unternehmen dauerhaft erfolgreich sein. Kommunikation ist damit kein operativer Kostenblock, sondern ein strategisches Investment.
Warum Reichweite überschätzt wird
Trotzdem konzentrieren sich viele Kommunikationsabteilungen noch immer fast ausschließlich auf Sichtbarkeit. Reichweite dominiert die Diskussion, weil sie leicht messbar ist. Dashboards lieben Reichweite. Management-Präsentationen auch.
Aber Reichweite allein verändert noch nichts. Genau deshalb wurden die DPRG/ICV-Wirkungsstufen entwickelt. Sie unterscheiden bewusst zwischen Output und Outcome. Output beschreibt zunächst nur das Kontaktangebot: Reichweite, Sichtbarkeit, Medienresonanz oder Content-Ausspielung. Die eigentliche Wirkung entsteht erst später – bei Wahrnehmung, Wissen, Einstellungen und Verhalten.
Das Problem vieler Kommunikationsorganisationen besteht darin, dass sie auf der Reichweitenebene stehen bleiben. Sie messen, ob Inhalte ausgespielt wurden, aber nicht, ob sich dadurch tatsächlich Einstellungen verändern oder gewünschtes Verhalten entsteht. Damit fehlt der eigentliche Wirkungsnachweis.
Kommunikation muss vom Verhalten her gedacht werden
Strategische Kommunikationssteuerung beginnt deshalb nicht mit Maßnahmen, sondern mit einer anderen Frage: Was sollen Stakeholder am Ende anders denken, fühlen oder tun? Diese Perspektive verändert die gesamte Planung. Wer beispielsweise erreichen will, dass Kunden Vertrauen aufbauen oder Mitarbeitende Veränderungsprozesse mittragen, muss zunächst definieren, welches Verhalten konkret angestrebt wird. Erst danach wird sichtbar, welche Einstellungen dafür notwendig sind, welches Wissen aufgebaut werden muss und welche Kommunikationsmaßnahmen sinnvoll sind. Damit entsteht eine echte Wirkungskette. Viele Kommunikationsabteilungen arbeiten heute genau umgekehrt. Sie starten mit Formaten, Kanälen oder Content-Ideen und hoffen anschließend auf Wirkung. Das führt zwangsläufig zu Aktionismus. Ohne strategische Zielarchitektur bleibt Kommunikation operativ beschäftigt, aber strategisch orientierungslos.
KI verschärft die Schwächen bestehender Systeme
Die aktuelle KI-Welle macht dieses Problem sichtbarer denn je. Viele Kommunikationsabteilungen konzentrieren sich derzeit auf Effizienzgewinne in der Content-Produktion: Texte schneller erstellen, Visuals automatisieren, Prozesse beschleunigen. Das ist sinnvoll, greift aber zu kurz. Die eigentliche Revolution liegt an anderer Stelle. KI entfaltet ihren größten Nutzen dort, wo Daten integriert, Muster erkannt und Entscheidungen unterstützt werden. Moderne Kommunikationssteuerung basiert deshalb auf einer sauberen Datenarchitektur. Social Media, Websites, CRM-Systeme, Medienresonanzanalysen, Social Listening oder Event-Daten müssen zusammengeführt werden, um Wirkungsketten sichtbar zu machen. Genau hier trennt sich derzeit die Spreu vom Weizen.
Unternehmen mit klarer Governance und integrierter Datenstrategie können KI nutzen, um Kommunikationsmaßnahmen präziser zu steuern, Stakeholder differenzierter zu verstehen und Wirkung schneller sichtbar zu machen. Unternehmen ohne diese Grundlage produzieren dagegen lediglich mehr Datenrauschen. KI verstärkt bestehende Systeme. Gute Systeme werden besser. Schlechte Systeme werden chaotischer.
Die eigentliche Herausforderung heißt Governance
Deshalb wird Governance zur zentralen Managementaufgabe der Kommunikation.Kommunikations-Controlling bedeutet nicht, möglichst viele Kennzahlen zu sammeln. Es bedeutet, eine gemeinsame Steuerungslogik zu etablieren: standardisierte KPIs, vergleichbare Wirkungsmessung, einheitliche Datenquellen und klare Zielsysteme. Das klingt zunächst technisch, ist aber vor allem organisatorisch anspruchsvoll. Denn dafür müssen Kommunikationsabteilungen ihre Silos überwinden. Media Relations, Social Media, Website-Teams, CRM, Event-Kommunikation oder Reputationsmanagement dürfen nicht länger nebeneinander arbeiten wie voneinander getrennte Welten. Erst die Verknüpfung dieser Bereiche ermöglicht integrierte Kommunikationssteuerung. Genau deshalb ist Kommunikations-Controlling weit mehr als Reporting. Es ist Organisationsentwicklung.
Die Kommunikationsabteilung der Zukunft
Die Kommunikationsabteilung der Zukunft wird sich nicht mehr primär über Content definieren. Ihr strategischer Wert entsteht durch die Fähigkeit, Stakeholder-Beziehungen datenbasiert zu verstehen, Wirkung sichtbar zu machen und Unternehmensziele kommunikativ zu unterstützen. Das verändert auch die Rolle der Kommunikationsverantwortlichen. Gefragt sind künftig nicht nur Storytelling-Kompetenz und Kanalwissen, sondern strategisches Denken, Datenverständnis und die Fähigkeit, Wirkungssysteme aufzubauen. Kommunikation wird dadurch anspruchsvoller – aber auch relevanter.
Gerade KI kann dabei helfen, Kommunikationsabteilungen von operativen Routinen zu entlasten. Reports automatisieren sich. Datenanalysen werden schneller. Muster lassen sich früher erkennen. Dadurch entsteht endlich Raum für strategische Arbeit. Und genau darin liegt vielleicht die größte Chance der aktuellen Transformation: Kommunikation könnte sich erstmals seit Jahren wieder stärker auf ihre eigentliche Kernaufgabe konzentrieren – Orientierung zu schaffen.
Denn Kommunikation ohne Steuerung produziert vor allem Aktivität. Kommunikation mit klaren Wirkungszielen dagegen kann echten strategischen Einfluss entfalten.

Hier können Andreas Quest und ich gut mit. In unserem Beitrag https://martin-fuchs-coaching.de/zum-zustand-strategischer-kommunikation/ haben wir versucht, in 10 Thesen den Ursachen auf den Grund zu gehen und einen Ausblick gewagt, wo immer noch die Potenziale liegen.