Das neue Betriebssystem der Kommunikation

Whitepaper zu Agentic AI zum kostenlosen Download

Agentic AI ist nicht das nächste KI-Feature. Es ist die Frage, wer in fünf Jahren noch Kommunikation gestaltet – und wer sie nur noch ausführt. Die AG CommTech hat in einer Sprintgruppe mit 14 Expertinnen und Experten analysiert, wo die Technologie steht, was sie für Teams bedeutet – und wo die echten Fallstricke liegen.

2030: Zwei Szenarien, eine Weichenstellung

Szenario A klingt verlockend: Das „Operating System of Comms“. Agenten übernehmen Monitoring, Briefings, Repurposing. Morgens liegt der Medienentwurf fertig vor – mit Bewertung, Eskalationssignal, Vorantwort zur Freigabe. Der Pressesprecher entscheidet, das System bereitet alles weitere vor. Microsoft belegt, dass 16 von 20 Schritten einer Earned-Media-Story heute bereits automatisierbar sind. Nur Schritte 5 bis 8 – Story-Idee, Zielgruppe, Pitching, Spokesperson-Briefing – bleiben dezidiert menschlich. Wir wollen schließlich den Geschmack von Menschen treffen und mit ihnen Beziehungen pflegen.

Szenario B ist das Gegenteil: der „Hive Mind“. Ein Agent greift eine Falschmeldung auf, antwortet automatisiert – niemand hat gegengelesen. LLMs bestätigen fehlerhafte Prämissen in Studien mit bis zu 90 Prozent. Wer das Modell kontrolliert, kontrolliert die Kommunikationslogik. Dario Amodei, CEO von Anthropic, hat es klar formuliert: Agentische Systeme bringen enorme Produktivitätsgewinne und zugleich neue Risiken von Fehlsteuerung, Missbrauch und Machtkonzentration. Das ist kein Disclaimer. Das ist das Pflichtenheft.

8 Prozent liegen vorn – 71 Prozent noch vor der Entscheidung

Der CommTech Index Report 2025/2026 zeigt: 88 Prozent der Kommunikationsabteilungen experimentieren mit KI, 51 Prozent haben Tools fest integriert. Aber nur 8 Prozent setzen Agentic AI produktiv ein. Das Fenster für Early Movers ist offen. Warten ist keine neutrale Option, es ist eine Entscheidung für den Status quo.

Die größten Skalierungshürden laut Celonis (2026): Silos zwischen Teams und Systemen (54 %), fehlende KI-Expertise (47 %), IT-Business-Alignment (45 %), Security und Governance (43 %). Resistance to Change? Statistisch bei 6 Prozent. Was bremst, ist nicht Verweigerung – es ist Betriebsunfähigkeit. Und die eigene Beobachtung aus der Sprintgruppe: Kommunikation agiert zu oft reaktiv. Marketing ist schneller. IT nimmt die Führung. Wer nicht aktiv Allianzen schmiedet, wird zur Ausführungseinheit.

Vom Prompt zum Akteur: Was Agentic AI wirklich ist

Ein Chatbot antwortet auf Prompts. Einen Schritt, dann wartet er. Ein AI-Agent reagiert auf Trigger-Ereignisse, führt mehrschrittige Aufgaben aus und findet eigene Lösungswege. Agentic AI geht sogar noch weiter: Das System entwickelt eigenständig Strategien, passt Handlungen dynamisch an – Entscheidungswege müssen nicht vorprogrammiert sein.

Technisch entscheidend sind zwei Konzepte: Function Calling ermöglicht der KI, externe APIs und Datenbankabfragen auszulösen – statt zu raten, ruft sie echte Daten ab. Das reduziert Halluzinationen und hebt die Qualität auf Serienbetriebsniveau. Das Model ContextProtocol (MCP) – von Anthropic als offener Standard eingeführt – ist der „USB-C-Anschluss“ dafür: eine standardisierte Schnittstelle zwischen KI und internen und externen Unternehmenssystemen (CMS, CRM, Media-Monitoring, Intranet). Die KI handelt in der realen Arbeitswelt – sicher, weil MCP exakt definiert, was sie sehen oder bearbeiten darf.

Vier neue Rollen – und eine unveränderte

Wenn Agents einziehen, verändert sich, wer im Team was tut. Die Sprintgruppe hat vier Schlüsselrollen identifiziert: den Agent Orchestrator (strategische Koordination der Agenteninstanzen), den Agent Builder (Konstruktion von Workflows und Tool-Anbindungen), den Agent Ops (Systemstabilität und Monitoring) – und den Human in theLoop: finale Instanz für Qualität, Tonalität und ethische Integrität. Diese Rolle ist nicht übrig geblieben. Sie ist das Zentrum.

Was Microsoft® und YessPress® heute schon bauen

André Pechmann, Director Communications bei Microsoft® Deutschland, sieht den entscheidenden Trend der nächsten 18 Monate im Übergang von der assistierenden zur autonomen KI. Über den Microsoft Graph – mit Zugriff auf Outlook, Teams, SharePoint und CRM – erkennt die KI komplexe Zusammenhänge über Abteilungsgrenzen und führt Aktionen aus, nicht nur Vorschläge. Pechmanns Tipp für die Praxis: Agenten als Stresstester einsetzen. Der Agent spielt den skeptischen Journalisten, den Wettbewerber, die Zielgruppe – und deckt Lücken im Briefing auf, bevor sie im Interview auftauchen.

Thomas Massmann von YessPress® hat das Ende der Gießkannenkommunikation bereits eingepreist: In fünf bis zehn Jahren ersetzt maschinenlesbare, individualisierte Kommunikation den klassischen Presseverteiler. Und er hat es gebaut: ein Agentic-AI-Modulfür die automatisierte Beantwortung von Medienanfragen, der gerade bei einem großen Konzern produktiv geht. Function Calls verbinden dafür IT und KI; eine Embedding Engine qualifiziert Journalistenfragen, und das Sprachmodell generiert hochwertige Antworten. Die Pressesprecherin sieht den Antwortvorschlag, noch bevor sie die Frage gelesen hat. Dann entscheidet sie und drückt auf Senden. Das ist “Human in the Loop“.

Decision Matrix: Nicht alles, was geht, sollte ein Use Case werden

Die Sprintgruppe hat ein Bewertungsrahmenwerk entwickelt, das Use Cases nach Value (operativer Wertbeitrag + Kommunikationswirkung) und Aufwand (Machbarkeit + Betrieb) einordnet – in vier Quadranten: Quick Wins (sofort starten), Strategische Projekte (vorbereiten), Lückenfüller (bei Kapazität) und Zeitverschwender (vermeiden).

Vor allen Scores steht die „Rote Linie“: DSGVO-Konformität, Compliance, Informationssicherheit, Ethik. Wird ein Governance-Kriterium verletzt, scheidet der Use Case aus – unabhängig vom Score. Das Framework steht im kostenlosen Whitepaper der AG CommTech zum Download bereit.

Fünf Empfehlungen für den Einstieg

• Decision Matrix jetzt anwenden. Bewertet laufende und geplante KI-Vorhaben nach Value und Aufwand. Aussortieren gehört dazu.

• Einen Quick-Win-Agenten bauen. Das tägliche Media Briefing (am besten auf der guten Datenbasis eines Dienstleisters mit MCP-Schnittstelle) ist ideal: klar definierter Scope, messbarer ROI (30–60 Minuten Zeitersparnis täglich), überschaubare Datenanbindung.

• Governance vor Technologie. Klärt zuerst: Was darf die KI sehen? Wer hat das letzte Wort? Wie werden Outputs dokumentiert?

• Jetzt Allianzen schmieden. Kommunikation muss in KI-Projekten Mitgestalter sein, nicht Spätnutzer. Wer wartet, bis die IT fertig ist, bekommt das auf den Tisch, was sich andere vorgestellt haben.

• Rollen heute neu denken. Welche Person im Team könnte Orchestrator werden? Welche Builder? Das Zeitfenster für Early Movers ist noch offen.

„Am Ende sind vielleicht 80 Prozent der Prozesse digital abgedeckt – während 20 Prozent beim Human-in-the-Loop verbleiben.“

— Thomas Massmann, YessPress (2026)

Zum Autor: Richard Tigges ist Direktor des Instituts für Angewandte Kommunikationsintelligenz und ist Co-Lead des AG CommTech Clusters Technology. Martin Regnet ist Senior-Experte für digitale Unternehmens- und Finanzkommunikation und leitete die AG CommTech Sprintgruppe „Agentic AI“, die das Whitepaper verfasste.



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